Enstehung

Hallig Hooge, Tor
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Meine Leidenschaft zum Fußball wurde einige Monate nach dem Tod meines Sohnes geweckt. Es war Sommer 2006. Das Jahr des deutschen Fußballmärchens.

Im März 2006 war mein zweiter Sohn tot zur Welt gekommen. Geburt und Tod sind zusammengefallen, er ist still geboren worden.  Plötzlich war alles anders. Unser Leben war erst einmal von Schmerz und tiefer Trauer geprägt.

Die Tage und Wochen vergingen, das Leben rauschte an mir vorbei, ich wanderte zwischen den Welten umher. Für mich war alles anders, aber das Leben da draußen ging weiter, die Autos hupten immer noch, die Ampel schalteten auf grün, die Radfahrer fegten wie der Wind um die Ecke und die U-Bahn fuhr auch noch alle vier Minuten. Die Stadt pulsierte und Berlin bereitete sich auf die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft in Deutschland vor. Berlin war Gastgeber für alle Welt – „Die Welt zu Gast bei Freunden“, so auch das offizielle Motto der WM. Auch wir waren Gastgeber für Menschen aus aller Welt und hatten zu der WM-Zeit einen Untermieter aus der Schweiz, der großer Fußballfan war und uns ansteckte. So begann mein neues, anderes Leben mit dem Fußballsommermärchen 2006 und seitdem ist mein Leben ohne Fußball nicht mehr vorstellbar.

90 Minuten Weinen, Lachen, Hoffen, Bangen, Trauern, Zittern, Jubeln. 90 Minuten Wut, Freude, Enttäuschung, Scheitern, Liegenbleiben und wiederaufstehen. 90 Minuten einmal die ganze Gefühlsspanne von oben nach unten und zurück, die Ungewissheit aushalten, wie es ausgeht, das so hinnehmen müssen, auch wenn der Schiedsrichter das wieder einmal anders gesehen hat. Wenn der Anpfiff ertönt, steht für 90 Minuten mein Leben still, der Kopf ist leer und frei, keine trüben und schweren Gedanken, kein Gestern und kein Morgen, es ist dieser eine Moment, der 90 Minuten lang geht. Diese 90 Minuten sind wie eine Welt für sich, das eigene Leben ist in diesen 90 Minuten total ausgeblendet, 90 Minuten lang, ist alles anders. Eine Atempause vom Leben. Einmal 90 Minuten. Einmal 90 Minuten Kraft tanken!

Auch im Mai 2008, kurz vor der Europameisterschaft war mir Fußball wieder eine wichtige Unterstützung in meiner indivduellen Trauer, als meine Tochter tot geboren wurde. Wieder einmal begann ein Leben eines meiner Kindes mit dem Tod.

Nach einiger Zeit in der Fußballwelt stellte ich fest, dass im Fußball Trauer sehr präsent ist, sei es durch Schweigeminuten, Trauerflor oder Choreographien und so begann ich Presseausschnitte, Artikel, Aufsätze, Fotos, Interviews zu diesem Thema zu sammeln. Das Thema Trauer und Fußball wurde so für mich zu einer Herzensangelegenheit.

Rückblickend nach den Jahren kann ich sagen, dass Fußball mir gerade in persönlichen Trauerzeiten viel Kraft gegeben hat, er hat für 90 Minuten den Schmerz etwas gelindert, er hat dafür gesorgt, dass es ein Ziel in dieser Trauerzeit gab, ein Ziel, das mit dem Anpfiff des Spieles begann.

Bis heute ist Fußball für mich Ressource, Kraftquelle, Gemeinschaft. Durch den Fußball wurde mein Leben reicher und bunter, es gab und gibt viele schöne Begegnungen, viele unterschiedliche ganz persönliche Geschichten dazu. Der Fußball erzählt Geschichten, von Leid, von Trauer, von Träumen, von Freude, von traurigen und schönen Momenten, von Glück und von all dem, was das Leben ausmacht und was dazu gehört – in guten wie in schlechten Zeiten.