Interview mit Ilona Schütz, Hospizdienst der Johanniter Berlin

(c) 2019 Carmen Mayer, alle Rechte vorbehalten / all rights reserved

Wenn man mit Ilona Schütz spricht, Leiterin des Ambulanten Hospiz- und Familienbegleitdienstes der Johanniter in Berlin, verlieren die Themen „Sterben, Tod und Trauer“ schnell ihren vielleicht möglichen Schrecken. Mit ihrer offenen, empathischen und fröhlichen Art ist man mit Ilona Schütz sofort  im Gespräch. Für sie gehören Abschied und Tod ganz selbstverständlich zum Leben dazu und es ist ihr wichtig, dass die Menschen würdevoll beim Sterben begleitet werden.

Vor neun Jahren hat Ilona Schütz den Ambulanten Hospiz- und Familienbegleitdienst zusammen mit dem ehrenamtlichen Mitarbeiter, Walter Engel, aufgebaut. Mittlerweile ist der Hospizdienst gewachsen und hat zusätzlich noch einen Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst. Das Kernteam besteht aus fünf hauptamtlichen Mitarbeiter_innen und 80 ehrenamtlichen Sterbebegleiter_innen.

 

Was macht ein Ambulanter Hospiz- und Familienbegleitdienst?
Hospiz bedeutet die ganzheitliche Begleitung von Schwerkranken, Sterbenden und deren An- und Zugehörigen. Wir verstehen heute Hospiz aber nicht nur als eine stationäre Einrichtung, sondern wir als ambulanter Hospiz- und Familienbegleitdienst kommen auch dorthin, wo die Menschen zuhause sind. Das muss nicht immer die eigene Wohnung, sondern kann z.B. auch eine Pflegeeinrichtung sein. Viele Menschen wünschen sich am Lebensende, in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben- begleitet und betreut von ihrer Familie und ihren Freund_innen. Wir setzen uns dafür ein, diesen Wunsch sterbender Menschen zu erfüllen und möchten in Zusammenarbeit mit Pflegediensten, Haus- und Palliativärzt_innen ein würdevolles Sterben zu Hause ermöglichen.
Gerade das Sterben eines Familienmitglieds oder das eigene Sterben kann eine große Krise im Leben eines Menschen bedeuten und in dieser wollen wir unterstützen.

Wie sieht diese Unterstützung aus?
Im Mittelpunkt stehen für uns die Wünsche und Bedürfnisse der betroffenen Menschen. Wir passen uns an. Die Menschen geben die Richtung vor und wir gehen mit. Die Unterstützung ist dabei sehr vielfältig. Keine Begleitung gleicht der anderen. Es kann sein, dass wir Sitzwachen beim sterbenden Menschen anbieten, sodass die An- und Zugehörigen etwas Zeit für sich haben, einen Moment aus dieser doch sehr belastenden Situation rauskommen und gleichzeitig aber auch wissen, dass jemand bei ihrem lieben Menschen ist.
Manchmal ist es zudem so, dass die An- und Zugehörigen mehr Unterstützung brauchen als der sterbende Mensch. Oft ist dieser schon im Reinen mit seinem Lebensende, da er im Vorfeld, bevor die An- und Zugehörigen miteinbezogen werden, sich mit dem nahenden Tod allein auseinandergesetzt hat. Den An- und Zugehörigen fehlt oft dieses Zeitfenster.
Bei den sterbenden Menschen schauen wir, wie hat dieser gelebt, was ist ihm wichtig. Hat er z.B. gerne Zeitung gelesen, dann bringen wir eine Zeitung mit und lesen gemeinsam, manchmal sind es Gespräche über Gott und die Welt. Oft sind es auch Sitzwachen, Dasein, eventuell eine Hand halten und mitaushalten – vielleicht das Schwerste an der Sterbebegleitung: das Mitaushalten.

Wie lange gehen die Begleitungen?
Auch das ist sehr unterschiedlich. Manchmal gehen sie wenige Tage, oft aber auch über einen längeren Zeitraum, ein halbes Jahr oder ein Jahr. Hospizarbeit bedeutet Begleitung im Leben bis zuletzt.

Wer kann sich an Euch wenden?
Meistens werden wir von den An- und Zugehörigen, Ärzt_innen, Pflegenden oder auch Nachbar_innen gerufen. Generell können uns alle kontaktieren, die Berührungspunkte jeglicher Form mit Menschen und Familien am Lebensende oder nach Diagnosestellung einer lebensverkürzenden Erkrankung haben. Wenn gewünscht, führen wir Koordinator_innen ein Erstgespräch vor Ort durch und ermitteln den erforderlichen Bedarf. Im Anschluss stellen wir den Kontakt zwischen erkrankten Menschehn und Sterbebegleiter_in her.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen sind ein fester Bestandteil des ambulanten Hospizdienstes?
j
a, die ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen sind das Herz eines jeden Hospizdienstes. Sie werden speziell für diese Aufgabe als ehrennamtliche Sterbebegleiter_innen ausgebildet und auf ihren Einsatz vorbereitet. Zudem nehmen sie regelmäßig an Fortbildungen und Supervisionen teil. Darüber hinaus sind wir als hauptamtliche Mitarbeiter_innen immer im regelmäßigen Austausch und Kontakt miteinander und jederzeit ansprechbar. Momentan haben wir im Team 80 ehrenamtliche Sterbebegleiter_innen im Alter von 18-85 Jahren.

Wie kommen diese ehrenamtlichen Kolleg_innen zu Euch?
Wir suchen regelmäßig durch Anzeigen und/oder auf unserer Website nach Menschen, die sich für diese Tätigkeit der Sterbebegleitung interessieren und sich das zutrauen. Oft haben Menschen, die sich bei uns melden für diese Tätigkeit, eine Verlusterfahrung erlebt. Dadurch haben sie sich Gedanken über das Leben und die Endlichkeit gemacht und möchten gerne andere Menschen am Lebensende begleiten. In einem gemeinsamen Gespräch klären wir miteinander Erwartungen, Ansprüche und Voraussetzungen ab und schauen, ob sie für diese Aufgabe geeignet sind. Persönlich glaube ich, dass jeder Mensch ein guter Sterbebegleiter sein kann. Wir müssen nur die passenden Menschen zueinander bringen.

Wie hat sich Eure Arbeit durch die Corona-Pandemie geändert?
Für uns hat sich die Lage dahingehend geändert, dass wir momentan fast nur noch telefonische Begleitungen machen können, da wir oft nicht mehr ins Zuhause der sterbenden Menschen kommen können. Das ist natürlich etwas anderes, als im persönlichen Kontakt in der vertrauten Umgebung zu sein. Auch wenn es anders und erst einmal ungewohnt ist, so sind wir weiterhin mit den sterbenden Menschen und ihren An- und Zugehörigen verbunden, bleiben in Kontakt und können auch über das Telefon Halt, Unterstützung und Nähe geben.

Wie kam es denn jetzt zu diesem besonderen Projekt der Sterbebegleitung von Menschen im Krankenhaus, die an Covid-19 erkrankt sind?
Das haben wir einer engagierten Sozialarbeiterin aus der Charité zu verdanken. Sie hat vor einigen Jahren eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin an einem Berliner Hospizdienst absolviert. Im Zuge der Ausbreitung der Corona-Pandemie hat sie sich überlegt, was können wir jetzt für die Menschen machen, die auf der Intensivstation an (den Folgen von) COVID-19 sterben. Das war sehr weitsichtig und so hat sie die Berliner Hospizdienste angefragt, wer bereit wäre, in dieser außergewöhnlichen Situation und dem außergewöhnlichen Umfeld einer Intensivstation Sterbebegleitung zu machen – natürlich mit allen notwendigen Sicherheits- und Schutzmaßnahmen für die ehrenamtlichen Sterbebegleiter_innen.

Wir haben dann in unserem Hospizdienst eine Umfrage gestartet, ob es ehrenamtliche Kolleg_innen gibt, die sich diese besondere Sterbebegleitung vorstellen können. Wir haben viele positive Zusagen bekommen. Natürlich achten wir darauf, dass wir nur Sterbebegleiter_innen einsetzen, die selbst nicht gefährdet sind und/oder nicht mit Menschen zusammenwohnen, die zur Risikogruppe gehören.

Wichtig ist für uns, dass wir als Hospizdienst für alle Menschen da sind, die sterben. Daher ist es auch selbstverständlich für uns, Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind, auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Wir wollen niemanden am Lebensende alleine lassen.

Seit wann läuft dieses Projekt?
Das Projekt ist vor kurzem, also am 20.04.2020, gestartet. Neben uns haben sich noch fünf weitere ambulante Hospizdienste (das Ricam-Hospiz, das Lazarus-Hospiz, das Johannes-Hospiz, das Hospiz Horizonte und das Diakonie Hospiz Wannsee) gemeldet, die an diesem besonderen Projekt in Kooperation mit der Charité Berlin teilnehmen. Die Charité hat ja drei Standorte in Berlin (Mitte, Wedding und Steglitz) und alle drei Standort haben zusätzliche Intensivbetten aufgebaut für Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind. Dort werden dann die ehrenamtlichen Sterbebegleiter_innen eingesetzt.

Kannst Du einen kleinen Einblick geben, wie diese besondere Sterbebegleitung vor Ort auf der Intensivstation aussieht?
Es wird ein Dienstplan für die ehrenamtlichen Sterbebegleiter_innen geschrieben. Die Dienste gehen zwischen 3-4 Stunden und es wird nicht nur ein Mensch begleitet, sondern mehrere. Normalerweise begleiten wir ja 1 zu 1 und ohne Schutzkleidung. In dieser besonderen Situation und der außergewöhnlichen Umgebung ist auch für uns vieles neu und anders.
Das ängstigt uns aber nicht und ist uns auch nicht fremd. Wir sind in unserer alltäglichen Arbeit gewohnt, dass wir uns an neue Situationen und Gegebenheiten anpassen. Wir wissen oft nicht, was uns erwartet, wenn wir einen Menschen in seinem Zuhause besuchen. Keine Begleitung ist gleich und demnach auch kein Sterben.
Uns liegt am Herzen, dass niemand am Lebensende alleine sein muss. Jeder Mensch, den wir begleiten, ist wertvoll – selbst wenn die Begleitung wie hier auf der Intensivstation vielleicht nur kurz sein wird. Auch kurze Begleitungen sind kraftvoll, wertvoll und würdevoll.

Gern sind wir im Nachgang auch für die An- und Zugehörigen da, wenn dies gewünscht wird. Viele von ihnen können aufgrund der derzeitigen Bestimmungen nicht kommen oder nur eingeschränkt vor Ort sein. Wir sehen uns dann auch als Verbindung zwischen dem sterbenden Menschen und den An- und Zugehörigen. Gerade in der Abschiedskultur hat sich jetzt vieles durch die Corona-Pandemie verändert und es gibt viele Einschränkungen, deswegen unterstützen wir auch bei der Abschiedsgestaltung.

Darüber hinaus stehen wir den Zugehörigen für eine Trauerbegleitung zur Verfügung. Das ist generell etwas, was wir bei den Sterbebegleitungen auch Zuhause anbieten, keiner soll alleine mit seiner Trauer bleiben.

Dieses Angebot gilt auch für das Krankenhauspersonal: Wenn die Pflegenden und Ärzt_innen jemanden zum Sprechen brauchen, dann sind wir als Hospizdienst, als Erfahrene in der Sterbebegleitung, jederzeit da und haben ein offenes Ohr.

Die ehrenamtlichen Sterbebegleiter_innen vor Ort werden von uns kontinuierlich unterstützt und begleitet. Da wird es regelmäßigen Austausch geben und Gespräche, Supervision und je nach Bedarf schauen wir, was sonst noch gebraucht wird. Das ist  etwas, worauf wir unabhängig von dieser besonderen Sterbebegleitung, Wert legen und was immer bei uns dazugehört.

Abschließend vielleicht noch: Das ist ein Projekt, an dem wir alle lernen, uns zusammen weiterentwickeln und neue Wege gehen werden

Kannst Du uns abschließend noch ganz kurz sagen, wofür die Spenden eingesetzt werden?
Natürlich! Wie ich eingangs erzählt habe, basiert alles bei unserem Hospiz- und Familienbegleitdienst auf eigenem, ganz persönlichem Engagement. Wir bilden aus und weiter, setzen uns füreinander und für die begleitenden Personen ein. Wir sind da und stehen bei, gerade auch in schlechten Zeiten – ähnlich also wie beim Fußball. Den Lieblingsverein fördert und unterstützt man ja neben sozialem Engagement oft auch finanziell, sei es durch Eintrittskarten, Mitgliedschaft oder andere Formen und trägt somit als einzelner Fan dazu bei, zusammen mit seinem Verein die nahe Zukunft zu gestalten. Das tun wir auch, denn jede Spende wird für die individuelle Förderung unserer Ehrenamtlichen vor, während als auch nach den Begleitungen eingesetzt, um gemeinsam das Morgen aufzubauen.

 

In der Nachspielzeit unseres Gespräches sprechen wir über Fußball. Ilona ist selbst Fußballfan. „Ich bin Charlottenburgerin und mein Herz schlägt für Hertha BSC und das geht auch nicht weg, auch wenn ich mich manchmal ärgere“, erzählt sie lachend. Auch davon, dass sie als Kind immer mit ihrem Vater ins Stadion ging und seitdem die Stadionatmosphäre liebt. „Das ist etwas ganz Besonderes und Einzigartiges.“
Irgendwann, wenn es wieder möglich ist, wollen wir mal zusammen im Stadion stehen, bis dahin bleibt die Sehnsucht danach und die Gewissheit „You‘ ll never walk alone“.

 

(c) 2019 marwi, alle Rechte vorbehalten / all rights reserved